Die asymmetrische Entlastung der Banken wäre eine neue Etage des Kartenhauses

Bravo, BDI – zumindest bei der Bestandsaufnahme liegt er richtig:

http://www.bdi.eu/Medienecho_FAZ-Interview-Keitel.htm

“Wir haben in Deutschland an Drehmoment verloren”, sagte Keitel. Die Regierung wisse, dass sie an verschiedenen Stellen nicht optimal agiere. Das betreffe handwerkliche Fehler in der kurzfristigen Politik und vor allem das Fehlen mittel- und langfristiger Konzepte. “Seit der Wahl herrscht Orientierungslosigkeit”, beanstandete Keitel.

Keitel stellte fest, dass die Banken bei Wert und Moral aus der Krise nicht genug gelernt haben. “Wir brauchen mehr Maß und Mitte”, so Keitel.”

Allerdings versteift sich BDI Chef  Keitel darauf, dass Deutschland zur Konsolidierung mehr Wachstum benötigt und dazu will er auch das Eigenkapital der Banken  “asymmetrisch” entlasten.

Das wäre die nächste tickende Zeitbombe

“Asymmetrisch entlasten” würde bedeuten, dass die Banken für Kredite an den Mittelstand weniger Eigenkapital hinterlegen sollen.

Mario Ohoven hat den Vorgang des veränderten Umgangs mit Eigenkapital aus dem Blickwinkel des BDI beschrieben. Danach sei höheres Eigenkapital eine Marktverzerrung zum Nachteil des Mittelstands.

Dass höhere Risiken mehr Eigenkapital erfordern, damit eine Bank langfristig erfolgreich bestehen kann, vernachlässigt die These der asymmetrischen Entlastung.

Setzt die Regierung diesen Vorschlag des BDI um, würde erneut nicht das Problem gelöst. Statt dessen würden dadurch die Risiken in die Zukunft verlagert – als tickende Zeitbombe für die nächste Krise.

Mehr Eigenkapital fördert solides Wirtschaftswachstum

Die Banken benötigen massive Kapitalerhöhungen, um aus der Kreditklemme herauszukommen.

Zwar würden höhere EK-Quoten die Renditen der Finanzindustrie schmälern und die Kreditvergabe ausbremsen. Die daraus zu erwartende Konsolidierung  würde auch etliche Unternehmen in die Insolvenz führen und Massenarbeitslosigkeit schockartig herbeiführen. Aber danach wäre der Weg frei, mit gesunden Unternehmen und kreativem Unternehmergeist den Wiederaufbau zu starten.

Auf jeden Fall würde eine solche Marktbereinigung solide wirtschaftende Unternehmen belohnen. Sie würden von den schon jetzt hohen Eigenkapitalquoten profitieren. Staatlich geförderte Überschuldung und leichtfertiges Geldverbrennen wäre als Misswirtschaft entlarvt.

Je größer die Eigenkapitalquoten sind, desto geringer sind die Risiken. Eigenkapital steht praktisch unbegrenzt lange zur Verfügung und belastet nicht die Liquidität. Eigenkapital kostet keine Zinsen, was die Gewinne langfristig stützt und Substanz aufbauen hilft.

Staatshilfen fördern Siechtum, keine Genesung

Eigenkapital ist die Grundlage für die Beschaffung von Fremdmitteln. Solange hierbei der Staat stützend eingreifen muss, darf das als Symptom einer kranken Wirtschaft gewertet werden.

Aktionäre misstrauen  der Finanzindustrie. Außerdem fehlen Pensionskassen, Versicherungen, Fonds die erforderlichen freien Mittel. Deshalb wurden bisher Kapitalerhöhungen der Banken – obwohl 2007ff dringend erforderlich – nicht durchgeführt.

Dass der Staat bei zahlreichen börsennotierten Unternehmen einspringen musste, zeigt, dass eine der Hauptfunktionen der Börse, die Eigenkapitalbeschaffung, seit 2007 kollabierte und im Siechtum verharrte .Um so mehr verdienen Unternehmen besonderen Applaus, denen es inden vergangenen Monaten gelang, frisches Kapital einzusammeln.

Achten Sie auf die Kennzahl ”Kernkapitalquote”

Derzeit wird immer noch von einflussreicher Seite der Staat aufgefordert, die Eigenkapitallücken zu schließen. Solange nach hohen Staatsquoten gerufen wird, erscheint das Finanzsystem reparatur- wenn nicht sogar revolutionsbedürftig.

Durch die Finanzkrise geriet bei den Banken die Bilanzkennzahl der Kernkapitalquotein den Vordergrund. Es ist das hochwertige Eigenkapital einer Bank, welches tatsächlich zur Abdeckung von Risiken herangezogen werden kann. Bisher wurden Quoten von unter sechs Prozent als bedenklich betrachtet. Nach internationalen Bilanzvorschriften muss die Kernkapitalquote der Bankinstitute mindestens vier Prozent betragen. Als Richtwert für eine gesunde Bilanz gilt eine Quote von sieben Prozent. In der Finanzkrise werden aufgrund der gestiegenen und nicht kalkulierbaren Risiken neuerdings Werte von neun bis 10 Prozent als angemessen bezeichnet.

Dabei gilt die Faustformel: Je mehr riskante Kredite vergeben werden und Kreditausfälle stattfinden, desto höher müssen die Rückstellungen sein und desto kleiner wird die Eigenkapitalquote.

Die Leichen im Keller

Die Zahlen sind zwar schon längst in den Kursen verarbeitet. Aber ich führe Sie noch einmal auf, weil sie im Hintergrund als Kellerleichen ”weiterschlummern”:

Die Kernkapitalquote der Banken der Eurozone betrug 2008 nach einer Analyse der Hans Böckler-Stiftung zwar 7,3 Prozent. Aber das Kernkapital machte nur 2,5 Prozent an der Gesamtbilanz aus.

Im April 2009 gab es in Deutschlands Bankensektor 800 Mrd EUR  toxische Papiere. Dem standen 300 Mrd EUR Eigenkapital gegenüber. Hinzu kämen 835 Mrd EUR faule Kreditforderungen, die eventuell abgeschrieben werden müssen.

Dazu noch ein paar Daten zum Vergleich:

Branchenprimus Dt. Bank verweist derzeit auf eine Kernkapitalquote von 12,6 Prozent, die Postbank 7,6 Prozent, die Staatsbank KfW nennt per 30.06.2009 eine Kernkapitalquote von 8,1 Prozent bei einer Eigenkapitalquote, bezogen auf die Bilanzsumme, von nur 3,04 Prozent.

Insbesondere die Kapitalausstattung der KfW sollte den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft Kopfzerbrechen bereiten. Denn das Finanzhaus vergibt dort Kredite, wo sich andere Banken wegen der hohen Risiken zurückhalten. Solide finanziert wäre die KfW, wenn sie ein Kernkapital von 20  bis 25  Prozent aufweisen würde – was Prof. Andreas Oehler von der Universität Bamberg dem Bankensektor empfiehlt. Erst dann könnten sich stabile Rahmenbedingungen einpendeln, weil Geldgeber dann verstärkt  auf ihre Risikostrukturen achten würden.

Kapital ist knapp und wird deshalb immer teurer

Außerdem ist zu bedenken: Bei der Kernkapitalquote handelt es sich um ein “Schönwetterprodukt”. So rechnete z.B. die Hypo Real Estate kurz vor ihrem Niedergang eine Kernkapitalquote von 9,3 Prozent vor. Die Zeitschrift Capital stellte dazu vor zwei Jahren eine schöne Tabelle zur Verfügung, in der die Eigenkapitalrisiken deutscher Banken verdeutlicht wurden.

Sollte es demnächst neue Regelungen geben, die es den Banken erleichtern, höhere Kern- oder Eigenkapitalquoten auszuweisen und sollte die Börse daraufhin jubeln, weil  wieder höhere Gewinne möglich werden: Es wäre voraussichtlich die Basis für die nächste Etage des Kartenhauses.

Die Risiken bleiben trotz steigender Aktienkurse erhalten – und der Kapitalbedarf des Staates und der Geschäftsbanken wächst mit jedem Tag.

Kommentare

2 Antworten zu “Die asymmetrische Entlastung der Banken wäre eine neue Etage des Kartenhauses”

  1. GS sagt:

    Ergänzung

    In dem Zusammenhang liest sich die (wahrscheinlich nicht mehr aktuelle) Empfehlung der PWC-Wirtschaftsprüfer, “Hybridkapital als kostengünstige Variante der Eigenkapitalbeschaffung” zu betrachten, als Realsatire:

    “Europas Wildwuchs” sagt das Handelsblatt dazu:

    http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/strengere-regeln-hybridkapital-wird-riskanter;2497474

    Im Wiener Standard ist im Zusammenhang mit der BayernLB zu lesen:

    http://derstandard.at/1267131953407/Schieflage-BayernLB-beteiligt-Teilhaber-an-Verlust

    “Die Institute müssten aber nicht zwangsläufig eine Abschreibung auf die Beteiligung vornehmen, sagte laut “Welt” ein Sprecher des Sparkassenverbandes. Es sei “durchaus möglich, dass das Hybridkapital schon im Jahr 2011 wieder bedient wird”.”

  2. GS sagt:

    Griechenland will 4,8 Mrd Euro mobilisieren, indem es spart und Abgaben erhöht.

    Zum Vergleich:

    Rund 5 Mrd Euro würde nach meiner Schätzung allein die KfW benötigen, um ihre Finanzierungsgrundlagen solide zu gestalten.

    Die Bilanzsumme der KfW beträgt rund 400 Mrd EUR.

    http://www.kfw.de/DE_Home/Die_Bank/Unser_Unternehmen/Zahlen_und_Fakten/Bilanzsumm.jsp

    1.501 Mrd € Bilanzsumme verzeichnet die Deutsche Bank.

    Ob die Dt. Bank dann auch die dreifache Menge Eigenkapital, 15 Mrd. EUR, mobilisieren muss? Das ist schwer zu sagen. Andreas Oehler (s.o.) würde womöglich eine solche Empfehlung aussprechen.

    Die Summen zeigen, wie schwer es sein dürfte, dass die Banken in den nächsten Jahren auf einen grünen Zweig kommen – und dass die 4,8 Mrd Euro unserer griechischen Freunde nur ein sehr kleiner Baustein für die Beseitigung der Probleme sind.

    Bin gespannt, wann offentlich gesagt wird, dass Europas Kaiser “nackt” sínd.